Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Michael Weigl

Das Bayernbild der Repräsentanten Österreichs in München 1918-1938. Die diplomatische und konsularische Berichterstattung vor dem Hintergrund der bayerisch-österreichischen Beziehungen

(Europäische Hochschulschriften; Reihe IIII: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 1013), Frankfurt a. Main u.a. 2005, Peter Lang, 462 Seiten

Rezensiert von Ulrike Claudia Hofmann (München)      PDF-Datei


Bayern und Österreich hat schon immer viel verbunden: Neben der gemeinsamen Sprache war ihre Geschichte durch die Jahrhunderte eng miteinander verwoben. Dabei bereitet es allerdings Österreich auf der einen und Bayern wie Deutschland auf der anderen Seite Schwierigkeiten, die Jahre zwischen 1918 mit ausgeprägten Vereinigungswünschen in beiden Staaten und 1945, als Österreich sieben Jahre Anschluss an Deutschland hinter sich gebracht hatte, aufzuarbeiten.
Die Dissertation von Michal Weigl hat sich zum Ziel gesetzt, die bayerisch-österreichischen Beziehungen zwischen 1918 und 1938 auszuleuchten, die bisher epochenübergreifend kaum behandelt sind, womit die Arbeit in eine Forschungslücke stößt.
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert betonte man in Bayern die engen verbindenden Elemente zwischen den beiden Ländern von gemeinsamen Wurzeln über verwandtschaftliche Bindungen der Herrscherhäuser bis zu vielen grenzüberschreitenden Kontakten. Insofern nahm Österreich in der bayerischen Außenpolitik stets eine zentrale Rolle ein. 1918/19 veränderte sich für Bayern die Situation jedoch grundlegend, als es durch die Weimarer Reichsverfassung seine außenpolitische Handlungsfähigkeit fast vollständig an das Reich verlor und die alliierten Siegermächte stets darauf achteten, gegen deutsch-österreichische Vereinigungsgelüste vorzugehen. Dies hatte nicht nur Auswirkungen auf den bayerischen Gestaltungsspielraum, sondern auch auf die Beziehungen zu Österreich. Damit ist der Hintergrund skizziert, vor dem der Autor die bayerisch-österreichischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit analysiert, wobei er den Blickwinkel der Betrachtung stetig spezifiziert.
Im ersten Block der Arbeit werden sowohl "Motivation", "Ausprägungsprozesse" und "Ziele" der österreichpolitischen Konzeption der bayerischen Staatsregierung dargestellt als auch Möglichkeiten und Grenzen dieses Anspruchs im politischen und verwaltungspraktischen Alltag überprüft. Weigl arbeitet sehr klar und strukturiert unter anderem das Konzept der Österreichpolitik als Kernstück bayerischer Außenpolitik von 1918 bis 1938 heraus, mit dem sich der Freistaat zur Kompensation seiner verlorengegangenen außenpolitischen Handlungsfreiheit als Mittler in den Beziehungen des Deutschen Reiches zu Österreich profilieren wollte. Er gibt damit einen sehr informativen Überblick über Eckpfeiler und Reibungspunkte der bayerisch-österreichischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit.
Die Darstellung dieses ersten Teils der Dissertation fußt als Hauptquelle auf den Akten der bayerischen Ministerien und der Staatskanzlei. Der Autor selbst spricht das sich daraus ergebende Defizit an: "Die spezifisch österreichische Sichtweise des grenzüberschreitenden Kontaktgeflechts kommt damit zwangsläufig zu kurz und muss der weiteren Forschung überlassen bleiben." (S. 21)
Im zweiten Teil, der sich vor allem auf österreichische und bayerische Überlieferung stützt, richtet die Arbeit ihren Fokus auf die diplomatischen und konsularischen Vertretungsbehörden Österreichs in Bayern, deren Geschichte für die Zwischenkriegszeit erstmals umfassender aufgearbeitet wird, und untersucht diese unter drei Blickwinkeln: Erstens werden organisatorische Entwicklungsphasen und Arbeitsweise der österreichischen Vertretungsbehörden, insbesondere des seit 1919 als alleiniger Repräsentant Österreichs in München fungierenden Generalkonsulats, nachgezeichnet. Dem schließt sich die Positionierung der Münchener Vertretungsbehörden bzw. des Generalkonsulats im System der österreichischen Vertretungsbehörden im Deutschen Reich an. Danach stehen die Behördenleiter der Münchener Vertretungsbehörden im Vordergrund des Interesses, die als "Aushängeschild Österreichs im Freistaat" (S. 167) galten. In diesem Zusammenhang erstellt Weigl zu jedem Behördenleiter ein Personenprofil, das diesen Block seiner Arbeit in anschaulicher Weise abrundet. Die Darstellung der Ergebnisse folgt einem in sich schlüssigen und logischen Aufbau.
Im letzten und umfangreichsten thematischen Block, dem Hauptteil, analysiert Weigl die politischen Berichte der österreichischen Vertretungsbehörden in München zwischen 1918 und 1938, wobei er neben dieser Berichterstattung auch die regelmäßig im Generalkonsulat herangezogenen bayerischen Zeitungen ausgewertet hat, um die "Interaktion zwischen den bayerischen Eigenbildern und den Fremdbildern der österreichischen Beobachter aufzuhellen" (S. 26).Weigl formuliert für sein Anliegen klar umrissene Analyseaspekte. Es geht um die Fragen, aus welchen Informationen sich das Bild der Generalkonsuln über die Verhältnisse in Bayern zusammensetzte und welche bayerischen Eigenbilder für ihr Bild, das sie nach Wien übermittelten, ausschlaggebend waren, welche bedeutungslos blieben und welche Einschätzung der Lage in Bayern die Münchener Generalkonsuln zeichneten. Weigl gibt hier einer Untersuchung nicht nach Amtsperioden, sondern nach thematischen Zusammenhängen den Vorzug, weil er sich davon einen größeren Erkenntnisgewinn verspricht, wenn er die "kontinuierlichen Betrachtungsweisen der Generalkonsuln als Gruppe identifiziert" (S. 197). So untersucht er die Berichterstattung nach dem Fremdbild über Persönlichkeiten und Programme, nach einschneidenden Zäsuren in der bayerischen Politik sowie nach "Kontinuitäten bayerischer Befindlichkeit". Dabei zeichnet sich nicht selten ab, dass Zäsuren und Änderungen in der Einschätzung der bayerischen Verhältnisse im Generalkonsulat aus dem Wechsel der Personen an der Spitze der Vertretungsbehörde resultierten, das heißt, mit den wechselnden Amtsperioden zusammenfielen.
Die Ausführungen dieses dritten Teils können jedoch den vielversprechenden Vorsätzen für diesen Block nicht gerecht werden. Nicht dass Weigl die Antworten auf seine Fragen schuldig bliebe. Sie werden allerdings zu wenig analytisch und pointiert herausgefiltert. Streckenweise erschöpft sich dieser dritte Teil in der Wiedergabe zentraler Inhalte der Konsulatsberichte. Wünschenswert wäre beispielsweise ein dezidiertes Herausarbeiten der "Interpretationsangebote" der im Generalkonsulat ausgewerteten Zeitungen. So wird zum Beispiel nur in einer Fußnote aufgezählt, um welche Zeitungen es sich handelte, ohne näher die politischen oder weltanschaulichen Standpunkte und Abgrenzungen zu skizzieren. Gewinnen würde die Arbeit sicherlich, wenn in diesem dritten Analyseteil klarer herausgestellt würde, ob sich in dem sogenannten Fremdbild des Generalkonsulats über die Verhältnisse und Ereignisse in Bayern eine spezielle "österreichische" Perspektive ausmachen lässt bzw. inwieweit der weltanschauliche und politische Standpunkt der Generalkonsuln ihre Berichterstattung beeinflussten. Nicht von Nachteil wäre, wenn der Autor kurz über den grundsätzlichen Aufbau und die Struktur der Berichte sowie das System der Informationsgewinnung und -verarbeitung des Generalkonsulats informiert hätte.
Unabhängig von diesen Kritikpunkten beweist Weigl in diesem dritten Teil fundierte Kenntnisse in den verschiedensten Facetten bayerischer Landespolitik der 1920er und 1930er Jahre.
Die Arbeit schließt Forschungslücken und liefert neue Erkenntnisse zur Geschichte Bayerns in den 1920er und 1930er Jahren. Leider beziehen sich die oben genannten Defizite auf den Hauptteil der Arbeit und schwächen somit die Stärken der vorangehenden Blöcke ab.

Erschienen am 13.03.2008

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