Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Harald Müller

Habit und Habitus. Mönche und Humanisten im Dialog

(Spätmittelalter und Reformation. Neue Reihe 32), Tübingen 2006, Mohr Siebeck, 426 Seiten

Rezensiert von Gernot Michael Müller (Luzern 7)      PDF-Datei


Als nicht minder schwierig zu greifen wie der sogenannte Renaissance-Humanismus insgesamt erweisen sich nicht zuletzt seine Träger. Die entscheidende Frage, wer Humanist gewesen sei und was einen solchen ausgemacht habe, wurde dabei lange Zeit allein über die literarische Produktion der betreffenden Personen und deren Übereinstimmung mit als typisch humanistisch erachteten Inhalten und Darstellungsformen zu beantworten gesucht. Später nahmen sich sozialgeschichtliche Ansätze ihrer an, welche die gesellschaftlichen Bedingungen des Humanismus sowie ausgehend davon das soziale Profil seiner Vertreter in den Blick nahmen. In jüngster Zeit haben sich kommunikationsgeschichtliche Zugriffe entwickelt, die den Humanismus als eine sich über gemeinsame Interessenlagen und einen einheitlichen Konversationsstil definierende Kommunikationsgemeinschaft deuten und infolgedessen jene als Humanisten ansehen, die in diesen kommunikativen Netzwerken Eingang fanden. Konsequenz dieser Neuorientierung ist einerseits das Interesse für Gattungen, die bis dahin unter anderem Blickwinkel oder kaum in Betracht gezogen worden sind, wie etwa der Brief als zentrales Medium, über das sich die humanistische Kommunikationsgemeinschaft konstituierte. Andererseits lässt sich über die Erforschung der humanistischen Konversationsnetze deutlicher als bisher herausarbeiten, in welchem Verhältnis Art und Intensität der Teilhabe an diesen zur sozialen Provenienz und zum jeweiligen Lebensumfeld der Kommunikationspartner stehen. Der Befund unterschiedlicher Konjunkturen im wechselseitigen Austausch, mithin auch genereller Schwierigkeiten, sich in die humanistische Kommunikationsgemeinschaft einzubringen und ihr dauerhaft anzugehören, legt dabei nicht nur deren grundsätzliche Dynamik und Variabilität offen, sondern er weist auch auf deren unterschiedliche Kompatibilität mit den sich wandelnden Lebensrealitäten ihrer Mitglieder hin. Vor diesem Hintergrund eignet sich der kommunikationsgeschichtliche Ansatz in hervorragender Weise, einmal mehr nach der Beziehung zwischen Humanismus und den Lebensbereichen seiner Akteure zu fragen und in diesem Zusammenhang insbesondere solche Milieus einer erneuten Betrachtung zu unterziehen, deren Affinität zum Humanismus kontrovers diskutiert wird und daher noch nicht abschließend geklärt ist.
Für den sogenannten Klosterhumanismus hat dies nun Harald Müller in einer glänzenden Studie unternommen, die neu auslotet, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise sich Mönche in die humanistische Diskussionsgemeinschaft einbringen konnten. In einem ausführlichen grundlegenden Kapitel bestimmt Müller zunächst den forschungsgeschichtlichen Ort und darauf aufbauend den methodischen Bedarf seiner kommunikationsgeschichtlichen Methode. Zu Recht weist er darauf hin, dass weder ein literarisches Oeuvre noch der Besitz einschlägiger Bücher allein zur Bestimmung eines Humanisten oder zum Nachweis humanistischer Aktivitäten innerhalb einer Institution wie eines Klosters ausreiche. So liefere die Konzentration auf die literarische Produktion in jedem Fall ein zu enges Bild - man denke nur an Personen wie Niccol• Niccoli, die selbst keine Werke verfasst haben -, dessen Bestimmung zudem noch dadurch erschwert werde, dass die Kriterien, durch die sich ein Werk als humanistisch erweise, selbst Gegenstand kontroverser Diskussion seien. Jedenfalls kann Müller mit Blick auf sein Untersuchungsfeld einige Mönche benennen, die in der Forschung zwar in der Regel als Humanisten firmieren, deren Werke unter eng gefassten Gesichtspunkten aber kaum als humanistisch bezeichnet werden dürften. Im Hinblick auf klösterliche Bücherbestände ließe sich schließlich in den seltensten Fällen eine systematische Anschaffungspolitik in humanistischem Geiste oder konkreter Gebrauch humanistischer Schriften nachweisen. Entsprechendes gelte, wie Müller überzeugend ausführt, für die Klosterreformen des 15. Jahrhunderts. Zwar hätten diese durchaus die Förderung monastischer Bildung zum Ziel gehabt, doch seien diese Bestrebungen nicht wesentlich vom Humanismus beeinflusst gewesen. Die Reformen bildeten somit analog zum Bücherbesitz bestenfalls eine Grundlage, auf der humanistische Bestrebungen in einem Kloster aufbauen konnten; als Indikator für diese, wie in der älteren Forschung hin und wieder angenommen, taugen sie indes nicht.
Ohnehin konzentrierten sich humanistische Aktivitäten hinter Klostermauern im Wesentlichen auf Einzelpersonen, deren gelehrte Tätigkeit nur insofern größere Kreise im Konvent zog, als sie von den Mitbrüdern und dem Abt - und dies nicht selten negativ - zur Kenntnis genommen wurde. Infolgedessen kann Müller auch eine charakteristische Konzentration der Forschung auf einzelne Mönche und weniger ein Interesse, dem Gesamtphänomen Klosterhumanismus beizukommen, konstatieren. Dass diese personenzentrierte Perspektive durchaus problematisch ist, weist Müller daraufhin luzide anhand eines exemplarischen Überblicks über die einschlägigen Arbeiten zu Johannes Trithemius nach, der in der Forschung immer wieder als eine Art Idealbild eines Klosterhumanisten nördlich der Alpen gehandelt wird. So deckt er hinter einer solchen Bewertung manches am historischen Befund nicht verifizierbare Zerrbild auf, wie er zudem bereits andeuten kann, dass sich der Fall Trithemius nicht unbedingt verallgemeinern lässt. Hier nun setzt Müller mit seiner Untersuchung an, indem er anhand dreier chronologisch aufeinander aufbauender Fallstudien erprobt, inwieweit die in diesen erzielten Ergebnisse zu einem Gesamtphänomen Klosterhumanismus systematisierbar sind. Entsprechend seiner methodischen Prämissen konzentriert er sich dabei auf die Briefwechsel der untersuchten Personen sowie angrenzender Gattungen wie Widmungsschreiben und Vorreden in deren Werken.
Zunächst wendet sich Müller zwei Ordensgeistlichen aus der Frühphase des Humanismus nördlich der Alpen, Sigismund Meisterlin und Albrecht von Bonstetten, zu, die sich im Hinblick auf ihre Integration in die humanistische Kommunikationsgemeinschaft sehr voneinander unterscheiden. War letzterer in ein dichtes und bis nach Italien reichendes Korrespondentennetz eingebunden, das gleichsam eine zweite Daseinsform neben seiner Ordensexistenz konstituierte und mit dieser auch nicht in Konflikt trat, erweist sich Meisterlins Situation als komplexer. Im Umfeld seiner Arbeit an der Augsburger Chronik locker und im Hinblick auf die Reaktionen im eigenen Kloster St. Ulrich und Afra nicht spannungsfrei in die Gruppe der Augsburger Frühhumanisten um Sigismund Gossembrot eingebunden, vermag er nach seinem Wechsel nach Nürnberg keinen entsprechenden Anschluss mehr zu dortigen Humanisten zu finden. Was bei ihm bleibt, ist der Briefkontakt mit dem inzwischen nach Straßburg abgewanderten Augsburger Gefährten Gossembrot. Damit präsentiert sich Meisterlin letztlich insgesamt als Außenseiter, auch wenn er durch seine stadthistorischen Werke wie kein anderer Mönch den engen Rahmen des Klosters zumindest inhaltlich gesprengt hat. Die zweite Fallstudie ist Johannes Trithemius gewidmet. In ihr geht es Müller vor allem darum, zwei Phasen in der Vita des Klosterhumanisten "par excellence" herauszuarbeiten, die sich im Hinblick auf dessen Einbindung in die humanistische Gemeinschaft diametral unterscheiden. Als Abt von Sponheim eng mit den namhaften Humanisten seiner Zeit in Kontakt und von seinen Zeitgenossen nicht ohne eigenes Zutun und Selbststilisierung als humanistisch gelehrter Geistlicher gewürdigt, der seinen Konvent zu einer Art Musentempel transformiert habe, zog Trithemius nach Spannungen in der Sponheimer Mönchsgemeinschaft ins Kloster St. Jakob nach Würzburg und konzentrierte sich daraufhin allein auf religiös bestimmte Wissensziele. Der einstmals enge Austausch mit den humanistischen Weggefährten brach daraufhin nahezu völlig ab. Ebenso in zwei Phasen lässt sich die Vita des letzten Beispiels, des Ottobeurer Benediktiners Nikolaus Ellenbog, gliedern, die sich durch eine Verengung der Gesprächspartner und verbunden damit auch der Interessenlagen voneinander unterscheiden. Aus der Überzeugung heraus, in Ottobeuren eine ideale Synthese von humanistischer Bildung und Mönchtum gefunden zu haben, zunächst mit zahlreichen bedeutenden Humanisten im Gespräch, schränkt sich seine Korrespondenz schließlich weitgehend auf Johannes Eck und in inhaltlicher Hinsicht auf philologische Betrachtungen über die Bibel ein, in der die humanistisch orientierte Beschäftigung mit den drei alten Sprachen allein in den Dienst der Religion und dies unter dezidiert konfessionellen Vorzeichen tritt.
Neben zahlreichen gewichtigen Einzelbeobachtungen, die hier nicht dargelegt werden können, ist das zentrale Ergebnis der von Müller angestrengten Fallstudien, dass sich diese nicht zu einem einheitlichen Bild humanistischer Aktivitäten im Kloster systematisieren lassen. Zu heterogen erweisen sich die Korrespondenznetze und die darin zum Ausdruck kommenden Interessenlagen der untersuchten Mönche; zu uneinheitlich gestalten sich bereits deren Lebensläufe, in denen die thematischen Präferenzen und der Kreis der Korrespondenzpartner Veränderungen unterlagen oder die Kommunikation mit diesen auf Grund äußerer Gegebenheiten sogar gänzlich abbrechen konnte. Zum gleichen heterogenen Ergebnis gelangt schließlich ein letztes Kapitel, in dem Müller die Perspektive wechselt und die Briefwechsel einiger bedeutender deutscher Humanisten danach befragt, wann und aus welchen Gründen diese in Kontakt zu Mönchen traten. Neben dem Befund ganz unterschiedlicher inhaltlicher Zusammenhänge, die die jeweilige Kontaktaufnahme begründeten, zeigt dieses Kapitel auf, dass die untersuchten Humanisten ihren monastischen Korrespondenzpartnern in der Regel neutral gegenübertraten, mithin dass sie diese nicht als eine besondere Gruppe innerhalb der Gemeinschaft humanistisch Interessierter wahrnahmen. Dies lässt Müller zu der Folgerung gelangen, dass von Klosterhumanismus als einer irgendwie gearteten Unterabteilung des Humanismus nicht gesprochen werden könne, sondern dass sich nur humanistisch interessierte Mönche greifen ließen, die auf Grund ganz unterschiedlicher Beweggründe und Interessenlagen den Austausch mit der Kommunikationsgemeinschaft der Humanisten suchten. Mit diesem ebenso eindrücklich begründeten wie überzeugend dargelegten Ergebnis hat Müllers Arbeit, die in jeder Hinsicht alle Bewunderung verdient, nicht weniger erreicht, als die Beschäftigung mit humanistisch gebildeten Mönchen auf ein gänzlich neues Fundament zu stellen.

Erschienen am 17.11.2008

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