(Colloquia Augustana 23), Berlin 2007, Akademie Verlag, 656 Seiten
Rezensiert von Ernst Schütz (Metten) PDF-Datei
Vorliegende Augsburger Dissertation bildet das Ergebnis eines blitzartigen "Überfalls", nämlich der durch die Lektüre der Londorpschen "Acta Publica" hervorgerufenen Eingebung, dass Kommunikation und Information den eigentlichen Kern des Immerwährenden Reichstags bildeten. Dies zu beweisen hat sich die Autorin zur Aufgabe gemacht, wie sie selbst in den ersten Zeilen ihres Vorwortes angibt (S. 5). Aufgrund der von Friedrich konstatierten politischen Bedeutungslosigkeit des Immerwährenden Reichstages um 1700 will sie ihre Arbeit bewusst nicht als "einen Beitrag zur Ereignisgeschichte des Reichstags" verstanden wissen (S. 16), sondern postuliert statt dessen mit Anton Schindling eine parallel zur politischen Abwertung verlaufende Aufwertung des Reichstags im Bereich der Information und der Kommunikation, wodurch sie den bisherigen Erklärungsversuchen für die Perpetuierung des Reichstags einen weiteren zur Seite stellt (S. 13f.). Da die "Drehscheibe Regensburg" ein dezidiert reichsinterner Knotenpunkt gewesen sei, geht Friedrich rasch dazu über, die für ihre Untersuchung unabdingbare exemplarische Auswahl einiger in Regensburg vertretener Reichsstände - nämlich Kurbayern, Ansbach und Augsburg - vorzustellen (S. 16). Als bedeutend für ein umfassenderes Verständnis des Regensburger Reichstags erachtet sie dabei eine kulturalistische Perspektive. Die am Reichstag bestehenden "Strukturen und Bedeutungsgeflechte" seien derart von permanenter Information und Kommunikation geprägt gewesen, dass politisches Handeln immer auch als kommunikatives Handeln definiert werden müsse (S. 17). In diesem Sinne strebt Friedrich ein "möglichst facettenreiches Bild des Informations- und Kommunikationssystems des Reichstags" an (S. 24). Ihren kommunikationswissenschaftlich und soziologisch inspirierten Betrachtungen stellt sie die historische Hermeneutik eklektisch zur Seite (S. 18-23).
Die Arbeit selbst unterteilt sich in fünf Hauptbereiche, deren erster sich in Kapitel II mit dem Hintergrund und Material zum Reichstag beschäftigt. In Kapitel III beleuchtet Friedrich den Reichstag bezüglich seiner Informationsstruktur, Kompetenzen, Aufgaben und Verfahren, sowie der an ihm agierenden Diplomaten. Auch das berüchtigte Reichstagszeremoniell wird in seiner Funktion als Kommunikationsregulative herausgestellt. Neben den sich am Reichstag eröffnenden institutionellen (Reichsdiktatur, Relationen, etc.) wie außer-institutionellen Möglichkeiten (Audienzen, Feste, etc.) stellt die Verfasserin in Kapitel IV die sich am Reichstag bietenden Anlässe für einen Austausch von Informationen beziehungsweise dessen Verhinderung vor. Anhand eigener statistischer Erhebungen (zum Beispiel zu den in den Berichten genannten Kommunikationspartnern, vgl. Anhang S. 550f.) rekonstruiert sie ein detailliertes Funktionsbild der "Regensburger Netze".
In Kapitel V, welches die Leistungen des Informations- und Kommunikationssystems am Reichstag betrachtet und als Herzstück der Untersuchung gelten muss, vollzieht die Verfasserin einen Perspektivenwechsel. Statt der Funktionsweise des Systems versucht Friedrich nunmehr den tatsächlichen Umgang der Stände mit demselben zu eruieren. Die aufgrund der übergroßen Fülle an Quellen vorgenommene exemplarische Betrachtung der Stände Kurbayern, Ansbach und Augsburg erweist sich dabei als nicht nur pragmatisch, sondern auch als inhaltlich recht geschickt. Während der bayerische Kurfürst im Kurkollegium und im Fürstenkollegium vertreten war und den katholischen Reichsständen angehörte, wurde die Markgrafschaft Ansbach durch die Gesandten Brandenburgs ausschließlich im Fürstenkollegium vertreten und hatte ihren Sitz im Corpus Evangelicorum. Die paritätische Reichsstadt Augsburg schließlich, deren evangelischer Ratsteil eine separate Korrespondenz mit Regensburg unterhielt, war zugleich Vertreter der katholischen Städte des Schwäbischen Reichskreises in Regensburg, so dass mit diesen Reichsständen ein repräsentativer Querschnitt sowohl durch die drei Kollegien als auch durch die Konfessionen ermöglicht wird. Anhand der konkreten jeweiligen Überlieferung gelingt es Friedrich aufzuzeigen, dass unterschiedliche Voraussetzungen auch unterschiedliche Möglichkeiten und Selektionskriterien der Informationsbeschaffung bedingten. Es herrschten klare Vorstellungen, "wen was anging" (S. 328). Die herangezogenen Fallbeispiele diplomatischer "Öffentlichkeitsarbeit" (wie zum Beispiel die Vorkommnisse der Kölner Wahl 1688 für Bayern, der Ansbachische Wunsch nach dem Reichsgeneralat 1702/03 oder die Augsburger Indemnisationsverhandlungen 1704/06) belegen überdies, wie sehr der Erfolg des "verdeckte[n] Spagat[s] zwischen nötiger offizieller Darstellung, verdeckter Weitergabe von Information und dem Versuch, Dritten keinen Anlaß zur Anteilnahme zu geben" (S. 354) auch vom Geschick der jeweils Handelnden abhing. An Mitteln sollte zur Meinungs- bzw. Imagebildung grundsätzlich nur eingesetzt werden, was zielführend erschien, ob dies nun bloße Gespräche, Korrespondenz oder auch Flugschriften und andere (teuere) Medien waren. Fehlte hierfür das Gespür, konnte es leicht zu einer "medialen Eskalationsspirale" (S. 398) kommen - welche jedoch in der Regel vermeidbar gewesen sei, da es keinem Stand, auch nicht dem Kaiser, möglich war, alle vorhandenen Kommunikationsmittel zu beeinflussen. Das komplexe Gefüge von Kommunikation und Informationsweitergabe am Reichstag betreffend gelangt Friedrich zu der realistischen Einschätzung: "Die Öffentlichkeitsarbeit als einzig entscheidend für die Beschlußfassung des Reichstags aufzufassen, wäre demnach eine Überbewertung" (S. 403).
Untermauert wird diese Feststellung im letzten Kapitel, welches der Frage nachgeht, inwieweit der Reichstag in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich präsent war. An dutzenden Flugschriften, Zeitungen, Zeitschriften, Akteneditionen, Chroniken u.v.m. kann die Autorin festmachen, dass der strikten Theorie der Publikationspraxis der Stände eine den Umständen angepasste Praxis gegenüber gestanden habe (S. 535). Letztlich handle es sich beim Reichstag um nichts anderes als um eine von Kommunikation und Information geprägte, flexible Selbstinszenierung des Reiches, die auf Konsens hin ausgerichtet gewesen sei.
Die mit Bienenfleiß verfasste Arbeit hat zweifellos sowohl hinsichtlich ihrer Fragestellung als auch ihrer Methodik und Ergebnisse neue Standards in der Reichstagsforschung gesetzt. Der gewählte Zugang ist sowohl zeitgemäß als auch ergiebig, wie die stattliche Anzahl von 656 Seiten belegen mag. Zweierlei Bedenken bleiben jedoch zu äußern. Zwar hat die politische Bedeutung des Reichstags im Verlaufe des 18. Jahrhunderts spürbar nachgelassen; sie sollte ihm für den behandelten Zeitraum um 1700 aber nicht a priori abgesprochen werden, lässt sich doch seine innen- wie außenpolitische Wirksamkeit nicht einfach an den Maßstäben eines Wiener oder Berliner Hofes messen. Auch auf das Reich allein war der Reichstag trotz der "ungeklärte[n] Stellung der Stände auf europäischem Parkett" (S. 537) nie beschränkt. Nicht zufällig schickte Ludwig XIV. seine fähigsten Diplomaten nach Regensburg. Das von Friedrich selbst zitierte Beispiel des englischen Reichstagsgesandten Sir George Etherege (S. 13f.) unterstreicht die europäische Komponente des Reichstags, an dem übrigens einige Reichsfürsten auch als ausländische Herrscher auftraten. Nicht zuletzt führt das ausgeprägte Bemühen der Autorin, ihre Forschungsansätze theoretisch zu fundieren, zu gelegentlich unnötigen - weil offensichtlichen - Ausführungen ("Öffentlichkeitsarbeit funktionierte nie im Sinne einer einfachen Stimulus-Response-Theorie, nach der bestimmte mediale Reize bestimmte Reaktionen auslösen", S. 403), welche den Lesefluss zu unterbrechen neigen. Die ansonsten sprachlich gediegene Darstellung profitiert von ihrer guten Erschließung durch ein ausführliches Register und insgesamt elf aus den Quellen erarbeiteten Anhängen zur empirischen Veranschaulichung der Ergebnisse.
Erschienen am 22.08.2008
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