Stuttgart 2007, Kohlhammer, 299 Seiten
Rezensiert von Georg Heilingsetzer (Linz) PDF-Datei
Es bedeutet immer ein Wagnis, wenn ein Einzelner heutzutage eine wissenschaftlich fundierte Übersicht über ein so weites Feld wie die Geschichte Österreichs verfassen will. Schon vor vielen Jahrzehnten wurde auch völlig zurecht festgestellt, dass es sich hier um eine "schwere", das heißt eine äußerst komplizierte, Geschichte handelt. Immerhin erstreckt sich die Darstellung nicht nur über einen Zeitraum von 2000 Jahren, sondern sie umfasst nahezu alle Bereiche der Geschichtswissenschaft. Es ergeben sich auch verschiedene Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind, wie etwa folgende: Zu welchem Zeitpunkt soll man mit der Darstellung beginnen? In welcher Weise soll man diejenigen Gebiete mit einbeziehen, die lange Zeit zusammen mit den heutigen Ländern der Republik Österreich eine größere Einheit gebildet haben? Wie stark muss man auf die Rolle der Landesfürsten, also vor allem der Habsburger, eingehen und vieles andere mehr.
Wir besitzen ja auch einige Gesamtdarstellungen der österreichischen Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert, die sich mit all diesen Problemen herumgeschlagen und sie auf ihre Weise gelöst haben. Die schon 1885 von Alfons Huber begonnene, mehrbändige "Geschichte Österreichs" reichte nur bis 1740, wobei die letzten beiden Bände Oswald Redlich, den "Altmeister" der österreichischen Geschichtswissenschaft, zum Autor haben. Mehrmals wurden Neubearbeitungen des Huberschen Werkes versucht, erschienen ist aber nur ein Band über die Urgeschichte (1980) bzw. über Österreich im Hochmittelalter (1991), sowie ein Band, der die Jahre von 1281 bis 1358 behandelt, aus der Feder von Alphons Lhotsky (1967). Während das zweibändige Werk von Hugo Hantsch, das erstmals 1937 zu erscheinen begann und dann noch mehrmals wieder aufgelegt wurde, bis 1918 reicht, ist die "Geschichte Österreichs" von Erich Zöllner, deren erste Auflage aus dem Jahr 1961 stammt - der dann sieben weitere bis 1990 folgten -, jeweils bis an die unmittelbare Gegenwart reichend dargestellt, ein Prinzip, das auch von Niederstätter befolgt wurde. Am ehesten, vor allem wegen der reichen bibliographischen Angaben, mit dem "Handbuch der bayerischen Geschichte" von Max Spindler bzw. Andreas Kraus vergleichbar ist das "Handbuch der Geschichte Österreichs und seiner Nachbarländer Böhmen und Ungarn" (4 Bände 1927-1944) von Karl und Mathilde Uhlirz. Eine geplante Neuauflage hat hier leider nur zur Fertigstellung eines ersten, bis 1526 reichenden, Bandes geführt (1963). Ein äußerst ehrgeiziges Unternehmen, das aber erst kürzlich auch erfolgreich abgeschlossen werden konnte, ist die von Herwig Wolfram herausgegebene "Geschichte Österreichs" (1994-2006). Zwölf Bände behandeln, der Chronologie verpflichtet, das Geschehen von der Römerzeit bis zum 20. Jahrhundert, während drei weitere die Wirtschaft, die christlichen Kirchen und die Juden in Österreich zum Gegenstand haben. Auch Alois Niederstätter, der Autor des vorliegenden Buches, Landesarchivar und Universitätslehrer, hat zwei Bände zu diesem Unternehmen beigesteuert, die das Spätmittelalter, die Zeit von 1278 bis 1522, betreffen.
Es war notwendig auf diese Gesamtdarstellungen - es gibt natürlich auch noch einige weitere - einzugehen, da im Literaturverzeichnis von den oben genannten Werken nur auf den "Zöllner" bzw. auf das Wolframsche Unternehmen verwiesen wird. Das mag damit zusammenhängen, dass Niederstätter versucht, hier nur auf Literatur zurückzugreifen, die jüngeren oder jüngsten Datums ist. Das ist durchaus legitim, da sicher von Seiten des Verlages darauf gedrängt wurde, die bibliographischen Angaben möglichst gering zu halten. Tatsächlich finden sich aber vielfach auch in älteren Werken mehr Informationen als in jüngeren Publikationen. Ein weiteres Bestreben ist es, womöglich nur Monographien und Sammelbände anzuführen, während auf einzelne Aufsätze kaum zurückgegriffen wird. Doch liegen gerade auch in kleineren Studien wichtige Erkenntnisse verborgen. Das weiß natürlich auch der Autor, etwa wenn er auf einen biographischen Aufsatz von Alois Zauner über Erzherzog Albrecht VI. († 1463) zurückgreift, der dem besonderen Kenner des Spätmittelalters natürlich nicht verborgen geblieben ist. Derartige Beispiele gibt es aber selbstverständlich auch für andere Zeitabschnitte, etwa zu Franz Stephan von Lothringen (Kaiser Franz I.), dem im Jahre 2000 eine Ausstellung in Niederösterreich gewidmet war.
Als durchaus geglückt kann die straffe, nach chronologischen aber auch thematischen Prinzipien vorgenommene Kapiteleinteilung bezeichnet werden. Niederstätter vernachlässigt weder die Frühzeit noch die "Zeitgeschichte", ja besonders hier besticht die unprätentiöse Darstellung, die das Geschehen sogar bis in das Jahre 2007 herauf führt. Es hat natürlich auch seine Vorteile, wenn in einer Zeit der Spezialisierung ein einziger Autor eine derartige Synthese wagt, denn dadurch hat man ein Werk vor sich, das aus einem Guss ist.
Während die meisten der bisherigen Geschichtsschreiber in einer gesamtösterreichischen Perspektive eher aus dem Osten (Wien, aber auch Graz) kamen, ist Niederstätters beruflicher Mittelpunkt im äußersten Westen des Bundesgebietes, nämlich in Vorarlberg, angesiedelt. Nicht selten haben Kritiker, vor allem aus den Bundesländern, einzelnen Autoren nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, eine allzu zentralistische Sicht zu haben und die unterschiedliche Entwicklung der Länder zu vernachlässigen. Niederstätter fällt nun keineswegs ins andere Extrem, sondern er berücksichtigt beides, die Kräfte, die den Gesamtstaat förderten, also über weite Strecken die Landesfürsten und ihr Umfeld, und ebenso die lokalen Komponenten in den Ländern. Wahrscheinlich kommt ihm seine Rolle als wissenschaftlicher Archivar eines Landes sogar zugute, denn in dieser wird man nicht nur ständig mit allen möglichen Problemen konfrontiert, die einer allzu engen Spezialisierung entgegenwirken, sondern man ist auch ständig dazu angehalten, mehrere Ebenen, vom lokalen Bereich über die Landesebene bis zum Gesamtstaat und dessen Einbindung in Europa, zu berücksichtigen.
Ohne allzu sehr der Beckmesserei zu verfallen, seien doch noch einige Fehler angemerkt, die dem Rezensenten sofort aufgefallen sind und die man für eine Neuauflage leicht verbessern könnte: Beim berüchtigten "Frankenburger Würfelspiel" im Jahre 1625 mussten nicht vermeintliche Rädelsführer paarweise um ihr Leben würfeln, sondern die Vertreter der am Aufruhr beteiligten Pfarrgemeinden. Der Ort, an dem der bayerische Statthalter Herberstorff ein Jahr später besiegt wurde, heißt Peuerbach, nicht Peurbach (S. 115). Im Jahre 1782 besuchte Papst Pius VI. den Kaiser in Wien, nicht Pius IV. (S. 143). Der bekannte Barockkomponist heißt Johann Joseph (nicht Christoph) Fux (S. 156). Der französische Marschall, der im Jahre 1809 gegen die aufständischen Tiroler kämpfte heißt Lefebvre, nicht Lefebre (S. 167).
Da Niederstätter die Kulturgeschichte ebenso wie Politik-, Wirtschafts- oder Sozialgeschichte berücksichtigt, werden auch relativ viele Persönlichkeiten aus der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur mit ihren Lebensdaten erwähnt, was natürlich seine Vorteile hat, wenn man kurz etwas nachschlagen möchte, der Darstellung tut dieser "telefonbuchartige" Charakter aber weniger gut. Vielleicht hätte man die Lebensdaten in das Personenregister verbannen und diesem unter Umständen auch noch ein Ortsregister beifügen sollen.
Aber das sind Dinge, die nicht so sehr ins Gewicht fallen. Man muss Respekt haben vor der Leistung des Autors und man kann das Buch als Einstieg in das Thema jedem empfehlen, sowohl dem Anfänger als auch dem versierten Fachmann. In dieser Größenordnung gibt es wohl Literatur über die Habsburger, aber kaum ein vergleichbares Werk zur österreichischen Geschichte, wenn man von einer Kurzfassung des "Zöllner" (Zöllner/Schüssel) und der Darstellung Karl Vocelkas (Graz/Wien/Köln 2000), die jedoch vor allem für das Mittelalter unzulänglich ist, einmal absieht. Man sollte derartige Synthesen aber auch nicht den Journalisten und mehr oder weniger begabten Schriftstellern überlassen, gerade das vorliegende Buch zeigt, wie wertvoll ein wissenschaftliches Fundament sein kann.
Erschienen am 13.03.2008
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