(Regesta Imperii 1/2, 1), Wien/Weimar/Köln 2007, Böhlau, XIV, 394 Seiten
Rezensiert von Doris Bulach (München) PDF-Datei
Mit dem vorliegenden ersten von drei Faszikeln zu Karl dem Kahlen führt Irmgard Fees das durch Johann Friedrich Böhmer konzipierte Projekt der Karolingerregesten, dessen Neubearbeitung seit 1966 bei den Regesta Imperii wieder aufgenommen wurde, auf dem Gebiet des westfränkischen Reiches fort. Der in dieser ersten Lieferung bearbeitete Zeitraum erstreckt sich von Karls Geburt am 13. Juni 823 bis zur Stärkung seiner Autorität im westfränkischen Reich, die mit der Krönung in Orléans ihren Höhepunkt fand. Als zeitlicher Einschnitt am Ende des Teilbandes ist dabei nicht dieses Ereignis, sondern sinnvoll das Ende des Jahres 848 gewählt worden. Entsprechend gliedern sich die vorliegenden Regesten in drei historische Abschnitte, die von der Geburt Karls bis zum Tod Ludwigs des Frommen 840 (S. 1-36), von den Bruderkriegen bis zum Vertrag von Verdun (S. 37-156) und von diesem bis zur genannten Krönung Karls (S. 157-303) reichen. In den Faszikel nicht einbezogen ist Aquitanien, das in der Tradition der Böhmerschen Einteilung einem eigenen Band vorbehalten bleiben soll.
Anders als bei den meisten bisher erschienenen Regestenbänden sind bei denjenigen zu den karolingischen Herrschern nicht ausschließlich Urkunden, sondern auch Briefe und historiographische Quellen aufgenommen, die Erwähnungen Karls und seines weiteren politischen und sozialen Umfelds einschließen.
Unter den 610 Regesten befinden sich lediglich 147 (davon 87 echte) Urkunden und erschlossene Deperdita Karls des Kahlen, wobei die erste im Original überlieferte Urkunde in das Jahr 841 datiert (von insgesamt nur fünf bis zu diesem Jahr bekannten Urkunden). Erst nach der siegreichen Schlacht von Fontenoy über seinen Bruder Lothar I. am 25. Juni 841, aber vor allem nach dem Vertrag von Verdun, der die Reichsteilung zwischen den drei Brüdern Karl, Lothar I. und Ludwig dem Deutschen verbindlich machte, setzt eine vermehrte Urkundentätigkeit ein, die in den Jahren 844/45 mit im Schnitt 28 Urkunden pro Jahr ihren Höhepunkt erreicht. Erst mit der Festigung seiner Herrschaft nahm also das Interesse vor allem von Klöstern und Kirchen an der Bestätigung eigener Rechte zu, die einen Großteil des Adressatenkreises der durch Karl ausgestellten Urkunden ausmachen.
Die erste Lieferung zu Karl dem Kahlen (die zweite wird den Zeitraum 849-869, die dritte die Jahre 870-877 umfassen) schließt mit einer Konkordanztafel, Urkundenregistern und einem Register der benutzten Archive sowie mit - wie bei den Regesta Imperii üblich - einem umfangreichen Quellen- und Literaturverzeichnis und einem Personen- und Ortsverzeichnis ab. Zusätzlich finden sich im Anhang 21 Regesten von Urkunden Pippins II. und Lothars I. aus der Zeit 840-848, die das westfränkische Reich betreffen.
Der Text der Regesten ist gekonnt und gut lesbar formuliert und, wo dies angebracht erschien, durch Zitate aus den Originaltexten ergänzt. Die ausführlichen Kommentare zu den einzelnen Regesten vermerken neben wissenschaftlicher Literatur auch die Aktionen von Verbündeten und Gegnern, soweit sie "für Karl und das westfränkische Teilreich von Belang sind" (S. VII).
Da die Urkunden Karls des Kahlen seit 1955 ediert vorliegen, liegt das Verdienst der Karolingerexpertin Fees im vorliegenden Faszikel - neben ihrer teilweise von der Edition zu Recht abweichenden Einschätzung verschiedener Urkunden - vor allem in den zusätzlichen historiographischen Regesten und der in den Kommentaren vollzogenen "Einbettung der Urkunden in ihren historischen Zusammenhang". Damit wird das Ziel verfolgt, ein Gesamtbild der "bewegten politischen Ereignisse der Zeit" zu erstellen und den Benutzern des Bandes die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Karolingerzeit zu erschließen (S. X). Besonders hervorzuheben ist dabei, dass Irmgard Fees bei ihren historiographischen Regesten und in den Kommentaren nicht nur politische Ereignisse (darunter beispielsweise die Überfälle durch Bretonen, Normannen oder Araber), sondern auch Naturereignisse (darunter Sonnen- und Mondfinsternisse, Erdbeben, Kälte- oder Wärmeeinbrüche) und Katastrophen wie Hungersnöte oder Seuchen berücksichtigt, was diese bisher mühsam aus der Historiographie zu erschließenden Begebenheiten für die Zeit Karls des Kahlen allen Interessierten durch einfaches Blättern zugänglich macht.
Erschienen am 19.05.2008
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