Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Patrick Schmidt / Horst Carl (Hg.)

Stadtgemeinde und Ständegesellschaft. Formen der Integration und Distinktion in der frühneuzeitlichen Stadt

(Geschichte: Forschung und Wissenschaft 20), Berlin 2007, Lit, 260 Seiten

Rezensiert von Helmut Rankl (München)      PDF-Datei


Der Sammelband geht auf eine Tagung zurück, die am 8. und 9. April 2005 in Gießen im Rahmen eines Teilprojekts des Gießener Sonderforschungsbereichs "Erinnerungskulturen" stattfand. Daran beteiligt waren vor allem Nachwuchswissenschaftler thematisch benachbarter Sonderforschungsbereiche in Münster, Dresden, Konstanz und Berlin. In dem Band geht es um die Verdeutlichung des Analysepotentials des polaren Kategoriepaares "Integration" und "Distinktion" für sozial- und kulturgeschichtliche Fragestellungen. Im Mittelpunkt der Beiträge steht die Frage, wie in den frühneuzeitlichen Städten mit ihrer komplexen Sozialstruktur "soziale Integration durch Werte, Normen und ihre Vermittlung in symbolischer Kommunikation möglich war" (Einleitung S. 7-30, hier S. 13). Die Herausgeber gliedern den Band in zwei Gruppen mit je vier Aufsätzen. Als Rahmenthemen werden "Inszenierung von Integration und Distinktion" für die erste, "Integration und Distinktion in Alltagskontexten" für die zweite Gruppe gewählt.
Marian Füssel (S. 31-55) analysiert Präzedenzkonflikte, die während der ganzen frühen Neuzeit fast alljährlich bei der Freiburger Fronleichnamsprozession entbrannten und zwischen Rats- und Universitätsmitgliedern, landesherrlichen Beamten, geistlichen Orden und Zünften ausgetragen wurden. Ulrich Rosseaux (S. 56-71) untersucht als Ort der Begegnung des Hofes mit den städtischen Ober- und Mittelschichten das jährlich inszenierte Schützenfest auf der Vogelwiese im frühneuzeitlichen Dresden, wo dem Kurfürsten aufgrund der klaren Machtabgrenzung zwischen Hof und Stadt die integrative Geste leicht fiel. Ruth Schilling (S. 72-105) analysiert festliche Anlässe wie das Krönungszeremoniell in Venedig oder Fürstenbesuche in den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck unter der Fragestellung, ob und in welchem Ausmaß der Prozeß der Verobrigkeitlichung des Stadtregiments im 16.Jahrhundert von einer Veränderung des Bildes der städtischen Gesellschaft begleitet war, wofür die Einbeziehung der Zünfte ins Zeremoniell besonders aufschlußreich ist. Am Beispiel der Reichsstädte Frankfurt am Main, Köln, Nürnberg und Straßburg befragt Patrick Schmidt (S. 106-139) zentrale Erinnerungspraktiken und erinnerungskulturelles Handeln neuzeitlicher Zünfte (Ursprungserzählungen und Memoria, Stiftungen und Stiftergedächnis) auf ihre integrativen und distinktiven Aspekte.
Der Übergang zur zweiten Gruppe von Aufsätzen erfolgt mit dem Beitrag von Patrick Oelze (S. 140-165). Er diskutiert am Beispiel der Reichsstadt Schwäbisch Hall eine Reihe von Grenzkonflikten mit den adeligen Nachbarn (17./18. Jahrhundert), wobei die Durchsetzung des städtischen Herrschaftsanspruchs mit distinktiven Ritualen die Identifikation der Bürger mit der Politik des Rats ermöglicht. Basierend auf dem von Rudolf Schlögl eingeführten Konzept der Anwesenheitsgesellschaft und Niklas Luhmanns Überlegungen zum Integrationsbegriff geht Philip R.Hoffmann (S. 166-197) Prozessen des politischen Strukturwandels in Lübeck zwischen dem 15. und 17.Jahrhundert nach, die in Teilbereichen zur Umgestaltung der politischen Ordnung der Stadt führen. Im Mittelpunkt des Beitrags von Thomas Weller (S. 198-224) stehen Rangkonflikte im frühneuzeitlichen Leipzig. Ausgetragen zwischen der traditionellen Ratselite und durch landesherrliche Intervention in den Rat gelangten Personen, sollten die langwierigen Streitigkeiten das integrative Potential städtischer Rituale erheblich schwächen. Christian Hochmuth (S. 225-251) erläutert abschließend, wie Kolonialwaren und italienische Kolonialwarenhändler in die wirtschaftliche und soziale Ordnung der Residenzstadt Dresden integriert wurden.
Die Aufsätze legen den Schwerpunkt der Analyse teils auf die integrativen, teils auf die distinkiven Aspekte und bieten für das Spannungsverhältnis zwischen Integration und Distinktion zahlreiche anschaulicher Beispiele. Beeindruckend ist die Vielfalt unterschiedlicher Stadttypen (Handelsmetropole Venedig, Reichs-, Residenz-, Handels- und Messestädte verschiedener Größe und Bedeutung in Deutschland), anhand derer das Wechselspiel von Integration und Distinktion vor Augen geführt wird. Den Herausgebern ist zuzustimmen, daß die Analysekategorien "Integration" und "Distinktion" die Möglichkeit eröffnen, "Vorstellungen und Motivationen der Obrigkeiten und verschiedener sozialer Gruppen in der frühneuzeitlichen Stadt zugleich in ihren konkreten Kontexten wie auch in ihrer sozialen Logik zu untersuchen" (S. 30).

Erschienen am 26.08.2008

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